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Was kann die Marker Alpinist?

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Was kann die Marker Alpinist?

Zunächst muss ich sagen, dass ich die Alpinist weder gefahren noch je in den Händen hatte. Ich habe mir einzig die Bilder und die technischen Angaben angeschaut und mich gefragt, was denn hier die Innovation dran sei. Denn eine solche hätte ich von einer neuen Marker Pin Bindung erwartet. Besonders nachdem ich damals, als die innovative Kingpin den Markt aufmischte, in regem Austausch mit Christian war, dem Ingenieur hinter den Marker Bindungen.

Ich suchte in den Mails von 2016 also seien Adresse hervor und hoffte, dass er noch bei Marker ist und das Email bekommt. Meine allgemeine Frage an ihn war: Was ist denn die Innovation hinter der Alpinist? Im Detail war mir nicht klar, warum er am Vorderteil auf eine Feder reduzierte, nachdem er bei der Kingpin so von den drei dünnen Federn überzeugt war, welche die Standhöhe so tief werden liess. Natürlich war mir der U-Pin ein Dorn im Auge. U-Pins lassen sich nicht einstellen und haben darüber hinaus das Problem, dass sie mir der Zeit einseitig abgenutzt und damit ungenau machen. Zuletzt sah ich keinen Grund, bei einer so leichten Bindung eine Längenanpassung einzubauen. Längenanpassung bedeutet, dass der hintere Kopf ganz an den Schuh angeschraubt werden kann und er dank einer Federlagerung beim Flexen des Skis auf der Grundplatte hin und her fährt. Jede Alpin Bindung und alle massiven Pin Bindungen (Kingpin, Tecton, Rotation ST, Beast 16, Shift) haben diese Funktion, weil sie entweder gar nicht anders konstruiert werden könnten oder weil es schlicht die Performance erhöht. Bei mittelschweren und leichten Bindungen sucht man diese Funktion aber vergeblich. Warum als einzige Marker findet, dass es die braucht, machte mich skeptisch.

Und tatsächlich, es kam eine Antwort, die Alpinist ist auch ein Kind von Christian. Gleich zu Beginn pflichtet er bei, dass die Alpinist nicht super innovativ sei und dass die Bindung eigentlich vor allem auf die Wünsche der Shops (vor allem der grossen Online Shops) abgestimmt sei. Ins gleiche Horn stösst auch sein Statement, dass die eigentliche Innovation an der Alpinist der Preis sei: Rund 300 Euro. Zugegeben, für so wenig Knete gibts recht viel Bindung.

Doch dann sind wir in die Details abgetaucht und es stellte sich heraus, dass sich Christian und Marker eben doch ein Bein ausgerissen haben. Angefangen bei der Feder. Bei der Kingpin hat Marker ja am Vorderteil Federn mit geringem Durchmesser (schwache Federn) gewählt und diese dafür dann mit drei Federn quasi parallel geschalten hat und entsprechend den nötigen Druck hingekriegt hat. Die Feder bei der Alpinist ist nicht dicker, wie kann nur eine Feder die Kraft aufbringen? Kann sie nicht! Marker hat das Problem anders gelöst. Sie holen die neben der Feder benötigte Kraft aus einer leicht federnden Kunststoff-Grundplatte aus einem Polyamid-Carbon Gemisch. Zunächst konnte ich das nicht glauben, weil dies bedeuten würde, dass Feder und Gehäuse eine ähnliche Elastizität oder Kraft hätten. Entweder musste also die kleine Feder sehr hart oder das Gehäuse butterweich sein. Wie auch immer, dank einem spezialisierten Mitarbeiter, der Festigkeitsberechnungen und Simulationen für die Alpinist gemacht hat, haben sie dieses Zusammenspiel von Feder und Gehäuse tatsächlich hingekriegt. Fazit: Obwohl nur eine Feder sichtbar ist, bringt das Vorderteil der Alpinist doch eine ordentliche Klemmkraft auf. Und: Die Standhöhe der Alpinist konnte deswegen im Vergleich zur Kingpin noch mal um 2.5mm tiefer gesetzt werden.

Die Entscheidung für den U-Pin ist vielleicht weniger einer Innovation sondern einer genauen Analyse zu verdanken. Christian hätte natürlich noch so gerne die Frontalauslösung (genau so wie die Seitenauslösung) stufenlos verstellen wollen. Doch eine funktionierende einstellbaren Frontalauslösung, hätte gemäss Christian mindestens 100g Gewicht zur Folge gehabt. Die Bindung wäre damit nicht mehr konkurrenzfähig gewesen. Christian ist sich bewusst, dass es Marken gibt, die Bindungen mit verstellbarer Forntalauslösung in der Gewichtsklasse der Alpinist herstellen. Er meinte aber, dass interne Messungen und Tests bei Marker ergeben hätten, dass „diese Verstellbarkeit nicht wirklich seriös“ sei. Er würde dann schon erwarten, dass wenn DIN 8 eingestellt sei, dass die Bindung dann auch ungefähr dort auslösen würde, Zertifizierung hin oder her.

 

Wenn es also ein U-Pin sein soll und Marker damit die Einstellbarkeit zugunsten der relativ verlässlichen Z-Wert Angabe des U-Pins kippte, so ist sich Marker immerhin nicht zu schade drei verschieden harte Pins anzubieten (dies hat Dynafit bei der TLT Speed 12 sträflich verpasst). Der mittlere und der harte U-Pin wird in der Alpinist 9 resp. 12 verbaut welche sich seitlich in einem Z-Wert 4-9 bzw. 6-12 einstellen lassen. Besonders leichte Personen oder Kinder könnten die Alpinist 9 so mit dem Soft U-Pin (Z 4-6) noch etwas besser ihrem Gewicht anpassen.

Ein weiteres Problem von U-Pins ist die Abnutzung. Pins in „herkömmlichen“ Bindungen sind eigentlich nur runde Stängel, die sich im Gehäuse drehen können. Damit wird sichergestellt, dass sich der Pin beim Einsteigen in die Bindung drehen kann und so weniger, bzw. nicht immer an der gleichen Stelle abgenutzt wird. Auch hier sieht Christian das Problem nicht ganz. Gemäss Tests bei Marker kann man 150 000-200 000 in eine Bindung mit U-Pin einsteigen, bis er gewechselt werden muss. Ein neuer Pin kostet 10 Euro und ist in 3 Minuten gewechselt. Touché!

Wie es dazu kam, dass Marker eine Mittelgewichtsbindung mit einer voll funktionsfähigen Längenanpassung ausgestattet hat, sagt viel über die Zukunft des Handels aus. Bevor sich Marker an die Konstruktion machte, haben sie vor allem bei grossen Shops mit bekannten Online Portalen nachgefragt, was denn ihre Wünsche seien. Die Leute in den Werkstätten haben immer wieder gesagt, dass die Montage und/oder die Einstellbarkeit der leichten Pin Bindungen eher mühsam ist. Dies trifft auf jeden Fall zu. Jede Pin Bindung ohne Längenausgleich muss zumindest auf den Millimeter genau eingestellt und zum teil auch so montiert werden. Die Shops haben angemerkt, dass insbesondere der Online Handel mit Pin-Bindungen ohne Längenverstellung sehr problematisch sei. Die Sohlenlänge die auf dem Schuh steht, ist sehr oft nicht die tatsächliche Sohlenlänge. Wenn jemand einen montieren Ski im Internet bestellt und dann merkt, dass sein Schuh nicht in die Bindung passt, dann ist der Frust gross und Streit die oft die Folge. Da Marker überzeugt ist, dass der Online Handel immer mehr zunimmt, ist die Längenverstellung und eben auch der der Längenausgleich eine gute Abhilfe gegen solche Ungenauigkeiten beim Bestellvorgang. Kommt noch dazu, dass der Längenausgleich die Gefahr des Ausreissens der Bindung vermindert und die Öffnungszuverlässigkeit erhöht.
Zur Idee der Optimierung für den Online Handel passt natürlich auch der tiefe Preis. Ein Ski Set wird zusammen mit der Alpinist preislich sicher sehr interessant sein.

Der optionale Stopper (Marker glaubt, dass sie die meisten Alpinist ohne Stopper verkaufen) ist mit 90g recht leicht. Der Alpinist Stopper hat mich an denjenigen der Ski Trab TR2 Bindung erinnert. Man schiebt von hinten einen Draht nach vorne, der den Stopper arretiert. Bei der TR2 ist das etwas friemelig. Cool bei der Alpinist ist, dass man nicht wie bei der TR2 den Stopper beim nach vorne Schieben des Drahtes treffen muss, sondern dass man den Stopper einfach nach unten treten kann, und er automatisch im Draht einrastet. Christian hat mir versichert, dass dieser Mechanismus von keinem Tester beanstandet wurde. Und klar, er bestätigt, dass die Patentdichte auch bei den Stoppern enorm ist und es nicht einfach war, einen zu konstruieren ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen.

Die Längenanpassung des Hinterkopfes von total 15mm ist meiner Meinung nach etwas knapp. Marker findet sie ausreichend für den Fall, dass jemand einen neuen Schuh kauft, der eine leicht andere Sohlenlänge hat. Das trifft zu, sofern der Kunde vorher nicht einen zu grossen oder zu kleinen Schuh hatte, dann kann die Sohlenlänge schnell um 1cm abweichen. Mit der „Speed Nose“ von Dynafit sowieso. Zudem kann man so seinen Ski kaum jemanden ausleihen, der eine andere Schuhgrösse hat (aber wer will das schon, mit der Alpinist hat man eine gute Ausrede).

Praktisch, wenn auch nicht wahnsinnig relevant ist die Möglichkeit auch ganz flach gehen zu können. Man kann also auf 0°, 5° und 9° gehen, wobei man zum Flach gehen den hinteren Bindungskopf drehen muss. Schneller gehts natürlich, man klappt nur die Falle über die Pins und läuft grad los (dann halt schon auf 5°).

Die Marker Alpinist in a Nutshell:

Die Alpinist ist eine erschwingliche Pin Bindungen mit konkurrenzfähigem Gewicht und einer cleveren Innovation im Vorderteil. Einzigartig ist der Längenausgleich. Durchdacht sind die Optionen mit den U-Pins. Einige Aspekte an ihr gehen auf das Bedürfnis von Grossisten und Online Händlern zurück, schnell und problemlos zu arbeiten.

Das heisst aber nicht, dass die Alpinist nicht doch etwas für dich ist, auch wenn du nicht Online beim Grossisten bestellst, sondern im Fachgeschäft deines Vertrauens. Das absolut kompetitive Gewicht im Vergleich mit ihren ärgsten Konkurrenten (siehe Tabelle unten), die Innovation am Vorderteil (spart Gewicht, bringt tiefe Standhöhe), die hohe Zuverlässigkeit in der Handhabung und auch in der Auslösung (Dank auswechselbaren Pins) und das in vielen Fällen sicher hilfreiche Feature des Längenanpassung (kein Verklemmen in der Bindung, weniger Ausreissen der Bindung) lassen diese Bindung in ihrer Klasse unter den besten mitspielen.

Marker Alpinist ATK Crest ATK Rider 12 Salomon MTN Dynafit TLT Speed 12
Ohne Stopper 245g 267g 285g
Mit Stopper 335g 280g 350g 320g 375g

2018-09-01T20:59:38+00:00

About the Author:

Thomas Scheuner is founder and owner of the Kundalini Ski Shop.